In diesem kurzen Eintrag werde ich ein paar einführende Elemente der Befreiungstheologie (BT) vorstellen. Für einen kurzen Überblick kann man dieses Video hier (auf Englisch) anschauen. Ich werde keine ausführlichen Erklärungen oder Einschätzungen meinerseits hier schreiben, da diese noch zu früh wären. Des Weiteren beschränke ich mich bei dem unten geschriebenen primär auf die Situation Lateinamerikas.

Einführung:

Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts gab es große Bewegungen in den Kirchen mancher lateinamerikanischen Länder.[1] Diese Bewegungen werden oft als eine Bewegung unter dem Begriff „Befreiungstheologie“ zusammengefasst, obwohl man hier nicht von einer Theologie bzw. einer Bewegung sprechen kann.[2]

Während viele Theologen des Westens sich mit der Relevanz des Glaubens in einer Welt des Skeptizismus beschäftig(t)en und die Frage stell(t)en „Wo ist der Gott der Wahrheit in einer Welt von Wissenschaft und Technologie?“, beschäftig(t)en sich Theologen in Lateinamerika mit der Relevanz des Glaubens in einer nach-kolonistischen Epoche und stell(t)en die Frage „Wo ist der Gott der Rechtschaffenheit in einer Welt der Ungerechtigkeit?“.[3]

Natürlich gab es auch in diesen Strömungen extreme Position (die hier und da auch zur Gewalt aufriefen). Wo ist der Gott der Rechtschaffenheit in einer Welt der Ungerechtigkeit?Jedoch gab es auch diejenigen, die die Ungerechtigkeit in ihren Ländern sahen und versuchten eine christliche Antwort zu finden und zu leben. Einer dieser Theologen war und ist Gustavo Gutiérrez (katholischer Priester und Theologe) der sein Buch Teología de la liberación [4] 1971 in Lima (Peru) veröffentlichte. In meinen Anfangsstudien ist er mein „Hauptgesprächspartner“ gewesen.

Wichtige Eigenschaften der BT:

In einem englischen Lexikon werden sechs auffallende Eigenschaften der BT genannt:[5]

  1. Eine bevorzugte Wahl der Armen: Die primäre Aufgabe der Kirche/Gemeinde ist es in unterdrückenden Situationen die Armen zu unterstützen
  2. Befreiung ist elementarer Bestandteil der Erlösung: Erlösung ist nicht nur geistlich zu sehen, sondern bezieht sich auf den ganzen Menschen
  3. Das Buch Exodus ist das biblische Paradebeispiel: Individuelle Erlösung kann es nur durch soziale Transformation geben
  4. Die vier Evangelien werden politisch interpretiert: Ein Schwerpunkt wird hier auf Christi Konfrontation mit den ungerechten sozialen Strukturen gelegt
  5. Die Priorität der Praxis: Rechter Glaube (Orthodoxie) kann nur aus der rechten Handlung (Orthopraxis) entstehen
  6. Strukturelle und institutionelle Gewalt ist genauso grausam/gewaltsam wie die der aktuelle Einsatz von physikalischer Gewalt

Eine Evaluation (auch kurzgehalten) werde ich am Ende dieses Eintrages geben. Es sei jedoch schon hier erwähnt, dass Punkt 2 auch in meinem Verständnis überaus wichtig ist. Sprich, die Dichotomie zwischen Körper und Geist kann hier aufgehoben werden und der Mensch wird als Ganzes betrachtet. Wie nun Taten und Verkündigung zueinanderstehen muss an anderer Stelle geklärt werden.

Was genau meinen diese Theologen jedoch, wenn sie von Befreiung sprechen?

Was heißt Befreiung?

Für Gutiérrez gibt es drei Facetten der Befreiung:[6]

  1. Eine politische und soziale
  2. Eine menschliche
  3. Eine Befreiung von Egoismus und Sünde

Unter (1) versteht er die Bekämpfung von den Ursachen von Armut und Ungerechtigkeit. Mit der „menschlichen Befreiung“ (2) bezieht er sich auf die Befreiung des Menschen von all den Sachen, die verhindern, dass er sich frei und in Würde entfalten kann. Und für Protestanten ist die dritte (3) Facette der Befreiung nicht unbekannt. Gutiérrez ist der Meinung, dass diese nur durch die Gnade Gottes und dem erlösenden Werk Christi geschehen kann.

Die Frage die sich mir als Protestant (oder einfach nur als Christ!) stellt, ist: Sind diese drei Facetten gleichgewichtig? Bzw.: Haben wir nicht oftmals in der Geschichte der Mission die dritte Facette (unter Ausschluss der ersten zwei Facetten?) rein geistlich verstanden? Und wenn ja, haben wir da nicht einen falschen Weg eingeschlagen? Einen Weg, den Jesus selbst anders verstanden hat (siehe z.B. Lukas 4,16-30)?

Das sind Fragen mit denen ich mich noch eine Weile beschäftigen muss und auf die ich so „ad hoc“ auch keine Antworten geben kann bzw. möchte. Ich teile diese hier auf diesem Blog, damit ich meine Gedanken etwas sortieren kann und evtl. auch der Leser angestoßen wird weiterzudenken und weiterzuleben.

Wie wird Jesus in den Kirchen Lateinamerikas dargestellt?

In vielen katholischen Kirchen und Prozessionen wird Christus als der Leidende und Besiegte dargestellt (Jesus am Kreuz) oder als hilfloser Mensch (Jesus als Baby in den Armen der Maria). Im Kontrast hierzu versuchen Theologen der BT andere Bilder des Neuen Testamentes wieder aufzugreifen: Christus als der, der Macht über den Tod hat – Christus der Befreier![7]

Einige abschließende Anmerkungen:

Sollten Christen Einfluss auf die sie umgebende Gesellschaft haben (bzw. auf das Umfeld in dem sie leben)? Was hat Politik hiermit zu tun? Falls Politik eine Rolle Spielt: Wie sollte politischer Aktivismus und unser Anliegen Armut und Ungerechtigkeit zu bekämpfen zusammenspielen? All diese (und noch mehr) sind Fragen und Anliegen der BT. Meine Beobachtungen ergeben positive sowie negative Erwägungen der BT.

Negative Erwägungen (in Form von Fragen):

  • Durch die Überbetonung der sozioökonomischen Probleme, hat die BT vielleicht teilweise die geistliche Komponente aus den Augen verloren bzw. läuft sie nicht auf diese Gefahr hinzu?
  • Läuft BT nicht des weiteren Gefahr Glaube in Politik zu verwandeln?
  • Warum die Präferenz der Armen? Ist das Evangelium nicht für alle?

Positive Erwägungen:

  • BT zeigt reale Probleme auf und versucht sie zu beantworten
  • BT zieht Theologie in das Alltagsgeschehen und fragt nach konkreter Gerechtigkeit
  • BT sieht den Menschen als Ganzes und sieht das Evangelium als etwas Größeres als rein geistliche Befreiung

 

[1]     Stanley J. Grenz and Roger E. Olson, 20th-Century Theology: God and the World in a Transitional Age (Downers Grove, IL: IVP Academic, 1993), 212, nennen es die einflussreichtse Bewegung (Bewegungen) in dieser Epoche.

[2]     Samuel Escobar, “Beyond Liberation Theology: A Review Article,” Themelios 19, no. 3 (1994): 15.

[3]     H. M. Conn, “Liberation Theology,” in New Dictionary of Theology, ed. David F. Wright, Sinclair B. Ferguson, and J. I. Packer (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 2000), 387–388.

[4]     Dieses Buch erschien 1974 im Englischen unter dem Titel: A Theology of Liberation.

[5]     F. L. Cross and E. A. Livingstone, eds., “Liberation Theology,” in The Oxford Dictionary of the Christian Church, 3rd Revised edition. (Oxford; New York: Oxford University Press, 2005), 983. See also Schubeck, “Liberation Theology,” 3:260–61.

[6]     Gustavo Gutiérrez, “The Task and Content of Liberation Theology,” in The Cambridge Companion to Liberation Theology, ed. Christopher Rowland, trans. Judith Condor (Cambridge; New York: Cambridge University Press, 1999), 26. Siehe auch Thomas L. Schubeck, “Liberation Theology,” in The Encyclopedia of Christianity, ed. Erwin Fahlbusch and Geoffrey W. Bromiley, vol. 3 (Grand Rapids, MI; Leiden, Netherlands: Eerdmans; Brill, 1999), 260: “At the basic level, liberation means transforming material conditions so that the poor can have their basic needs met for food, shelter, and health care. At a deeper level, it means having the opportunity to make one’s own decisions. At a deeper level yet, liberation gives individuals and groups the capacity and freedom to make decisions. At the deepest level, liberation means communion with God and neighbor, which brings peace and happiness.”

[7]     Gutiérrez, “The Task and Content of Liberation Theology,” 37, schreibt folgendes: “To be a witness to the resurrection means choosing life, life in all its forms, since nothing escapes the universality of the Kingdom of God. This testimony of life (material and spiritual life, personal and social life, life present and future) assumes particular importance in a continent characterized by premature and unjust death [i.e., poverty and hindrance of human flourishing] , and also by the struggle for freedom from oppression. This reality of death and sin is a negation of the resurrection. For this reason, the witness of the resurrection is he who can always ask ironically (according to Scripture) ‘Death, where is your victory?’”