Der Hebräerbrief ist vielen nicht ganz so bekannt, steckt aber voller tiefer Einsichten und deshalb werde ich in den nächsten Monaten immer wieder ein paar Verse dieses Briefes beleuchten. [Für eine kleine Einführung siehe diese Video]. Hier die ersten vier Verse aus dem ersten Kapitel:

(1) Viele Male und auf verschiedenste Weise sprach Gott in der Vergangenheit durch die Propheten zu unseren Vorfahren. (2) Jetzt aber, am Ende der Zeit, hat er durch ´seinen eigenen` Sohn zu uns gesprochen. Der Sohn ist der von Gott bestimmte Erbe aller Dinge. Durch ihn hat Gott die ganze Welt erschaffen. (3) Er ist das vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit, der unverfälschte Ausdruck seines Wesens. Durch die Kraft seines Wortes trägt er das ganze Universum. Und nachdem er das Opfer gebracht hat, das von den Sünden reinigt, hat er den Ehrenplatz im Himmel eingenommen, den Platz an der rechten Seite Gottes, der höchsten Majestät. (4) Selbst im Vergleich mit den Engeln ist seine Stellung einzigartig. Ihm wurde ja auch ein unvergleichlich höherer Titel verliehen als ihnen.

Wer auch immer der Autor (oder die Autorin) des Hebräerbriefes gewesen sein mag, man wird in das tiefe Becken des christlichen Glaubens begleitet. Hier geht es nicht um oberflächliche oder auch irreführende Darstellungen Jesu (siehe z.B. dieses Buch The Original Jesus: Trading the Myths We Create for the Savior Who Is), sondern um eine Bereicherung unseres Verständnisses wer dieser Apostel und Hohepriester ist, der Mensch wurde, sich selbst hingegeben hat und nun zu Rechten des Vaters im Himmel sitzt (Hughes, 1).

Eine Übersicht der ersten vier Verse sieht so aus (Ebert zitiert in O’Brien, 46):

A. Der Kontrast zwischen Sohn und Propheten (V. 1-2a)

B. Der Sohn als messianischer Erbe (V. 2b)

C. Das Schöpfungswirken des Sohnes (V. 2c)

D. Die dreifache Vermittlerbeziehung des Sohnes zu Gott (V. 3a-b)

C‘. Das Erlösungswerk des Sohnes (V. 3c)

B‘. Der Sohn als messianischer König (V. 3d)

A‘. Der Kontrast zwischen Sohn und Engeln (V. 4)

Das Zentrum dieses Chiasmus (aaah … da kommen Erinnerungen aus dem Lateinunterricht zum Leben) beschreibt für uns die einmalige Rolle des Sohnes als „höchste Offenbarer Gottes und Vermittler des neuen Bundes“ (Ebert, 37; zitiert in O’Brien, 46).

Gleich zu Anfang lesen wir, dass Gott „viele Male und auf verschiedenste Weise“ durch die Propheten zum Volk Gottes gesprochen hat. Gott ist ein Gott der Kommunikation und teilt sich mit, offenbart sich. Das typische „es steht geschrieben“ (wie man es z.B. oft bei Paulus findet), ist im Brief an die Hebräer durch das Sprechen Gottes (z.B. 1,5-13; 5,5-6; 7,17.21) „ersetzt“. William L. Lane (S. 11) schreibt hierzu:

Die Überzeugung, dass Gottes Wort in der menschlichen Erfahrung lebendig und aktiv ist (4,12), untergräbt den Appell an die Autorität der Schrift in Hebräer und bereitet die Zuhörer auf die ernste Ermahnung am Ende der Predigt vor, den Gott, der spricht, nicht abzulehnen (12,25).

Jedoch sieht man auch einen temporalen Kontrast. Gott sprach …

… „in der Vergangenheit“ („vor Zeiten“)

… „jetzt aber, am Ende der Zeit“

Ein endzeitlicher (eschatologisch) Klang ertönt hier. Etwas ganz Entscheidendes ist passiert (das Kommen des Gottessohnes) und wird nochmals geschehen (die Wiederkunft Jesu). Dieser Kontrast zeigt aber auch Kontinuität und Diskontinuität zwischen dem Alten Testament und dem Neuen auf. Besser: zwischen dem Alten und dem Neuen Bund (hierzu werden wir im Hebräerbrief noch viel erfahren).

Ein weiterer Kontrast ist, dass Gott früher durch die Propheten, jetzt aber durch „Sohn“ (der Artikel fehlt hier und scheint den qualitativen Unterschied zu unterstreichen) gesprochen hat bzw. spricht. Sieben Eigenschaften des Sohnes werden uns vorgestellt (Bruce, 46-50):

  1. „Erbe aller Dinge“ (2b)
  2. „durch ihn hat Gott die ganze Welt erschaffen “ (2c)
  3. „vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit “ (3a)
  4. „der unverfälschte Ausdruck seines Wesens“ (3b)
  5. „durch die Kraft seines Wortes trägt er das ganze Universum“ (3c)
  6. „er [hat] das Opfer gebracht, das von den Sünden reinigt “ (3d)
  7. „er [hat] den Ehrenplatz im Himmel eingenommen, den Platz an der rechten Seite Gottes, der höchsten Majestät“ (3e)

Im Psalm 2 lesen wir „Bitte mich, so gebe ich dir die Nationen zum Erbe und die Enden der Erde zum Eigentum“ (V. 8). Die „Nationen“ und „Enden der Erde“ werden hier im Hebräerbrief einfach mit „Erbe aller Dinge“ wiedergegeben. Erbe und Erbschaft ziehen sich durch den ganzen Brief und wir werden hier und da noch näher drauf zu sprechen kommen (Guthrie, “Hebrews,” 924; siehe 1,14; 6,12.17; 9,15; 11,7-8; 12,17).

Philip E. Hughes sieht einen natürlichen Fluss von der Thematik von Sohnschaft zur Erbschaft, da diese Konzepte eng miteinander verbunden sind (S. 38). Des Weiteren, „Christus ist der Erbe von allem […], weil er der Vermittler der Schöpfung war“ (O’Brien, 53). Durch den Sohn hat Gott die ganze Welt erschaffen.

Dieser Sohn ist das „vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit“ und „der unverfälschte Ausdruck seines Wesens“. Jesus selbst sagt: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Johannesevangelium 14,9). Deshalb können wir auch sagen, dass Jesus die höchste Offenbarung Gottes selbst ist.

Er ist es, der das ganze Universum aufrechterhält. Er ist also nicht nur „Co-Schöpfer“, sondern auch Erhalter aller Dinge. Dieser Co-Schöpfer und Erhalter aller Dinge wurde Mensch und brachte sich selbst als Opfer dar, damit wir von unseren Sünden gereinigt werden.

Nachdem er am dritten Tage von den Toten auferstanden ist, hat er „den Ehrenplatz im Himmel eingenommen, den Platz an der rechten Seite Gottes, der höchsten Majestät“ (siehe Psalm 110,1). Jesus sitzt zu Rechten Gottes im Kontrast zu den aaronitischen Priestern, die vor dem Altar stehen (10,11-14). Zur Rechten einer Person zu sitzen, ist den Ehrenplatz einzunehmen (siehe 1. Könige 2,19; Exodus 15,6).

Im V. 4 (Selbst im Vergleich mit den Engeln ist seine Stellung einzigartig. Ihm wurde ja auch ein unvergleichlich höherer Titel verliehen als ihnen) wird der Kontrast zu den Engeln eingeleitet und dann später näher ausgeführt. Das Wort „besser“ wird im Hebräerbrief 12x verwendet und zeigt die Superiorität und Einzigartigkeit dieses Sohnes.

Jesus Christus ist die letzte und ultimative Offenbarung. Er bringt die Heilsgeschichte zu ihrem Höhepunkt. Er, der höchste Offenbarer, ist Schöpfer und Erhalter aller Dinge, brachte sich selbst zur Versöhnung als Opfer dar und regiert das ganze Universum. Das ist das Bild von Christus, welches uns der Hebräerbrief malt.

 

Bibliographie:

  • Bruce, F. F. The Epistle to the Hebrews. New International Commentary on the New Testament. Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1990.
  • Davidson, A. B. The Epistle to the Hebrews. Edinburgh: T. & T. Clark.
  • Ebert, D. J.  Wisdom in New Testament Christology, with Special Reference to Hebrews 1:1-4. Unpublished PhD thesis Trinity Evangelical Divinity School 1998. quoted in O’Brien, 46.
  • Guthrie, George H. “Hebrews.” Commentary on the New Testament Use of the Old Testament. Ed. G.K. Beale and D. A. Carson. Grand Rapids, MI: Baker Academic, 2007.
  • Hughes, Philip E. A Commentary on the Epistle to the Hebrews. Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1977.
  • Lane, William L. Hebrews. 1-8. Word Biblical Commentary, v. 47A. Dallas, TX: Word Books, 1991.
  • O’Brien, Peter T. The Letter to the Hebrews. Grand Rapids, MI: Eerdmans; 2010.