In diesem dritten Eintrag zu meinen Überlegungen über ein Theologiestudium und zur theologischen Ausbildung im Generellen, möchte ich auf ein paar Gefahren des Theologiestudiums – und darüber wie man Theologie praktiziert – hinweisen.

Einen großen Anstoß zu diesem Thema hat mir das Buch A Little Exercise for Young Theologians von Helmut Thielicke gegeben. Dies ist wohl das Schwergewicht in diesem Blogeintrag. In den letzten Wochen habe ich dann auch noch zwei weitere Bücher, die Thielickes sehr ähnlich sind, gelesen: A Little Book for New Theologians: Why and How to Study Theology von Kelly M. Kapic und A Little Book for New Bible Scholars von E. Randolph Richars und Joseph R. Dodson. Auch zwei Artikel (eines von Gerald L. Bray und eine Rede von B. B. Warfield) haben meine Gedanken beeinflusst.

Thielicke spricht von „theologigal puberty“ (S. 12; vgl. S. 15) und „intellectual hypertrophy[i]“ (S. 31)  und meint damit, dass viele Theologiestudenten in ihrer Anfangszeit aufgeplustert von ihrem „neuen“ Wissen kaum noch mit den Gemeinden kommunizieren können. Für den Universitätsprofessor Thielicke ist es wichtig, dass der Theologe und Pastor[ii] mit dem „normalen“ Volk auf eine gewöhnliche Art und Weise reden kann. Bray spricht scherzhaft davon, dass es natürlich schön wäre, wenn „everyone knew what an infralapsarian antediluvian postmillenarian apocalyptic Arminian is” (S. 56), weil man ja nie wisse wann man einen trifft. Aber im Ernst, sowohl in der Predigt als auch in einem Vortrag sollte der Theologenpastor in der Lage sein, so zu kommunizieren, dass man ihm[iii] auch folgen kann.

Warum ist dies aber so wichtig? Hier kommt wieder Bray zu Wort der meint, dass ein unverständlicher Theologe (ein Widerspruch für Bray) so entsetzlich sei, weil er die Worte des ewigen Lebens verschleiert und in die Verwirrung führt, so dass niemand mehr Zugang hierzu hat (S. 56).

An illiterate grandmother in New Guinea who has met with Jesus is a greater theologian than a university professor of the subject who has notFür Bray und Thielicke (und auch für mich!) ist rechte und somit orthodoxe Theologie (Verständnis von Gott) von außerordentlicher Bedeutung. Doch beide haben noch mehr anzumerken. Bray schreibt: „An illiterate grandmother in New Guinea who has met with Jesus is a greater theologian than a university professor of the subject who has not […] Without a personal experience of God, theology is a waste of time – indeed, it is quite meaningless” (S. 49). Und Thielicke spricht von einem geistlichen Tod eines orthodoxen Theologen „while perhaps a heretic crawls on forbidden bypaths to the sources of life” (S. 37).

Theologie sollte immer im Gespräch mit Gott geführt werden. Thielicke schreibt in seinem Kapitel „The Study of Dogmatics with Prayer“ (S. 33):

The man who studies theology, and especially he who studies dogmatics, might watch carefully whether he increasingly does not think in the third rather than the second person. You know what I mean by that. The transition of one to the other level of thought, from a personal relationship with God to a merely technical reference, usually is exactly synchronized with the moment that I no longer can read the word of Holy Scripture as a word to me, but only as the object of exegetical endeavors.

Gleiches bemängelt auch Richard Bauckham (Britischer Neutestamentler). Er warnt junge Theologen/Exegeten, dass wenn man die Bibel rein akademisch betrachtet „it can seem that the more carefully one understands how a text spoke to its original historical context the less it speaks to us.”[iv]

Thielicke warnt weiter, dass die erste Begebenheit in der Bibel, in der wir einer Person begegnen, die von Gott und nicht mehr mit Gott spricht, die Schlange im Paradies ist. Dies, so Thielicke, sollte uns zu bedenken geben (S. 34).

In seiner Ansprache an neue Theologiestudenten am Princeton Theological Seminary, sagte Warfield folgendes und spricht so eine weitere Gefahr des Theologiestudiums an (S. 35):

We are frequently told, indeed, that the great danger of the theological student lies precisely in his constant contact with divine things. They may come to seem common to him, because they are customary. […] The very atmosphere of your life is these things [i.e., God, religion, and salvation]; you breathe them in at every pore; they surround you, encompass you, press in upon you from every side. It is all in danger of becoming common to you! God forgive you, you are in danger of becoming weary of God!

In diesem Zusammenhang besteht dann auch die Gefahr von Gott nur noch in der dritten Person zu sprechen. Aber es ist nicht das akademische Arbeiten an sich das dieses verschuldet. Richards and Dodson schreiben (Kindle-Positionen 673-674):

It’s not that academic study causes a dry spiritual life; rather, neglecting our spiritual life causes us to dry up, even if what we are studying is God’s Holy Word. Someone who refuses to eat will starve to death even if they are working in a pastry shop.

Jesus loves me, this I know, for the Bible tells me soDas kann ich nur bestätigen. Um zum Schluss zu kommen, möchte ich an einen der größten Theologen des 20. Jh. verweisen – Karl Barth. 1962 sprach er in der Rockefeller Chapel an der Universität von Chicago. Dort wurde er gefragt, ob er sein Lebenswerk in einem Satz beschreiben könne. Auf diese Frage antwortete Barth: „Jesus loves me, this I know, for the Bible tells me so.”[v] Das nenne ich mal auf den Punkt gebracht.

 

Literaturhinweis:

  • Bray, Gerald L. “Rescuing Theology from the Theologians.” Themelios 24, (February 1, 1999): 48-57.
  • Kapic, Kelly M. A Little Book for New Theologians: Why and How to Study Theology. Downers Grove, IL: IVP Academic, 2012.
  • Richards, E. Randolph, and Joseph R. Dodson. A Little Book for New Bible Scholars. Downers Grove, IL: IVP Academic, 2017.
  • Thielicke, Helmut. A Little Exercise for Young Theologians. Grand Rapids; MI: Eerdmans, 1962.
  • Warfield, Benjamin Breckinridge. “The Religious Life of Theological Students.” Themelios 24, (May 1, 1999): 31-41.

 

 

[i] Hypertrophie wird vom Duden als „Übermaß, Übersteigertsein, Überzogenheit“ bezeichnet
[ii] Wobei nicht unbedingt zwischen den beiden unterschieden muss: siehe z. B https://www.pastortheologians.com und auch einige Literatur hierzu.
[iii] Die gewählten Begriffe „Student“, „Theologe“, „Pastor“ etc. ist rein grammatikalisch auf das männliche Geschlecht begrenzt und soll hier kein theologisches Argument sein.
[iv] Richard Bauckham, “A Life with the Bible” in I (Still) Believe: Leading Bible Scholars Share Their Stories of Faith and Scholarship, ed. John Byron and Joel N. Lohr (Grand Rapids: Zondervan, 2015), 28. Gefunden in Richards und Doson, A Little Book, Kindle-Positionen 660-661.
[v] Dieses Ereignis schildert Constantine R. Campbell, in Richards and Dodson, A Little Book, Kindle- Positionen 1177-1178.