Dies ist der vorletzte Beitrag zum Thema „Theologische Ausbildung“. Ich werde an dieser Stelle noch einmal die ersten vier Einträge kurz anreißen und zusammenfassen, bevor wir dann zu der Thematik „Die Notwendigkeit und Wichtigkeit der theologischen Ausbildung“ kommen. In den ersten vier Einträgen haben wir folgendes beobachten können:

  1. Der erste Eintrag war eine Art „Prolegomena“ und hat uns darauf eingestimmt, dass theologische Ausbildung (das christliche Leben im Allgemeinen) nicht das Wissen an sich, sondern Spiritualität und Charakterformation als Ziel hat.
  2. Daraufhin sahen wir wie wir alle eine gewisse Theologie (Gottesvorstellung) haben und wir diese anhand der Heiligen Schriften überprüfen müssen, wenn wir nicht ist das Fettnäpfchen treten wollen und unseren „eigenen Göttern“ folgen. Die Bibel ist Grundlage gesunder Theologie; oder besser gesagt gesundem Theologisierens.
  3. Im dritten Beitrag ging es dann um die Gefahren des Theologiestudiums. An dieser Stelle ging es darum die Bibel rein akademisch zu betrachten; von Gott nur noch in der dritten Person zu sprechen; seine eigene Beziehung zu Gott zu vernachlässigen.
  4. Dann ging es darum zu verstehen was theologische Ausbildung – ja, was Theologie – eigentlich ist. Unsere Theologie, unsere Überzeugungen beeinflussen unser Handeln (vgl. Röm 12,1-2). Wir werden im Ebenbild Christi gestaltet, nach Seinem Wesen geformt. Hierzu gehört unser Denken, Handeln, Fühlen.

Jetzt können wir zum heutigen Thema schreiten. Warum benötigen wir eigentlich theologische Ausbildung? Was ist die Not? Ian Payne spricht von 100.000 Menschen, die täglich zum chr. Glauben (darunter 30.000 Chinesen) kommen.[1] Wenn 1 Leiter auf 100 Menschen fiele, sprächen wir von einer Ausbildung von 1.000 Leitern – pro Tag! Hieraus schließt Payne theologische Ausbildung sei durch und durch missional. Theologische Ausbildung ist durch und durch missional

Sills, Professor für Missiologie an dem Southern Baptist Theological Seminary und ehemaliger Missionar unter den Quechua Einwohnern in Ecuador, berichtet von Pastoren, welche ihn baten keine neuen Gemeinden zu gründen. Viele der Pastoren waren schon mit 8-10 Gemeinden, die sie betreuten, mehr als überlastet. Sie baten jedoch um theologische Ausbildung für weitere Leiter.

85% der Pastoren weltweit haben keine theologische AusbildungIn den USA hat man ein (1) ausgebildeten Leiter für 235 Menschen. Verlässt man die USA ist ein (1) Leiter für 450.000 Menschen da. Jedoch können 85% der Pastoren in der Welt keine theologische Ausbildung genießen.[2] Die Frage, die sich mir oft stellt, ist: Was wird in diesen Gemeinden gelehrt? Was verkündigen die Pastoren jeden Sonntag in den Versammlungen?

Christen brauchen biblische Antworten auf ihre Fragen. Wenn sie diese nicht haben werden die Antworten von irgendwo herkommen (denn die Fragen bleiben ja durchaus bestehen). Die einzigen Informationen zum Evangelium, die vielen Einheimischen vorhanden sind, sind die der Missionare. Missionare bilden die Theologie der jungen Gläubigen.[3]

Manche meinen vielleicht einwerfen zu können: Reicht denn nicht, dass sie die Bibel und den Heiligen Geist haben? Aus biblischer Sicht kann man hier nur mit einem „Nein“ antworten.[4] Warum sonst gäbe es Lehrer in der Gemeinde?

Er ist es nun auch, der ´der Gemeinde` Gaben geschenkt hat: Er hat ihr die Apostel gegeben, die Propheten, die Evangelisten, die Hirten und Lehrer. Sie haben die Aufgabe, diejenigen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, für ihren Dienst auszurüsten, damit ´die Gemeinde`, der Leib von Christus, aufgebaut wird. (Eph 4,11-12)

Leiter (und Christen im Allgemeinen!) müssen gelehrt werden wie sie mit den Schriften umzugehen haben:

Setze alles daran, dich vor Gott als ein bewährter Mitarbeiter zu erweisen, der sich für sein Tun nicht zu schämen braucht und der die Botschaft der Wahrheit unverfälscht weitergibt. (2Tim 2,15)

Papst Johannes Paul II sprach nach seiner Lateinamerikareise davon, der Kontinent müsse neuevangelisiert werden. In seinem Schreiben an die Bischöfe dort liest man u.a.:

In fact, today there occur in many places—the phenomenon is not a new one—"re-readings" of the Gospel, the result of theoretical speculations rather than authentic meditation on the word of God and a true commitment to the Gospel.[5]

Hier wird ganz klar die Gefahr des Synkretismus angesprochen. Eine der größten Gefahren bei nicht vorhandener theologischen Ausbildung ist Synkretismus (oder gar Häresie). Auch animistische Züge kehren oft in die christliche Theologie – und die daraus resultierende Praxis –  ein. Sills berichtet von Praktiken mancher großen Gemeinden in Nigeria, welche durch Zauber (juju) Macht heraufbe-schwören umso mehr Gottesdienstbesucher zu erzielen.[6]

Aber es sind nicht nur Gefahren auszumachen. Philip M. Steyne schreibt: „Die schnell wachsenden Kirchen der dritten Welt beginnen nun, ihre eigenen Werte und Überzeugungen zu formulieren. Sie entwickeln neue Theologien, die sich bewusst mit Fragen auseinandersetzen, die westliche Theologen bisher ignoriert oder übersehen haben, da diese Fragen für sie bedeutungslos waren.“[7]

Theologie muss auf Gottes Wort aufbauenEine Wechselwirkung kann wahrgenommen werden. Zu einem müssen Theologen, Missionare und Pastoren im Globalen Süden ausgebildet werden. Zum anderen können auch wir viel von diesen Theologen lernen. Die Frage jedoch bleibt bestehen auf was man seine Theologie aufbaut. Es ist äußerst wichtig seine eigene Theologie auf dem Wort Gottes aufzubauen und daraus herleitende Antworten auf heutige Fragen zu finden. Dies ist nicht immer gegeben, da auch einige Theologen der südlichen Hemisphäre in eher liberalen Ausbildungsstätten ihre theologische Ausbildung unternehmen.[8]

Eine gesunde theol. Ausbildung ist wichtig für gesunde Gemeinden. Jesus spricht (Matt 9,37-38):

Die Ernte ist groß, doch es sind nur wenig Arbeiter da. Bittet deshalb den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter auf sein Erntefeld schickt!

Mal ganz praktisch gedacht: Wer möchte gerne zu einem Arzt gehen, der keine medizinische Ausbildung genossen hat? Wer möchte schon gerne in Rechtsfragen zu einem Anwalt gehen, der von Gesetzen in Deutschland keine Ahnung hat? Wer möchte gerne einen Pastor haben, der keine theologische Ausbildung genossen hat, sich also weder in der Bibel noch in der Geschichte der Kirche auskennt? Also, ich nicht. Und wahrscheinlich auch keiner von Euch.

 

 

[1]     Ian Payne, “Access to Theological Education: Goals, Aims, and Challenges” (2012 Lausanne Consultation on Global Theological Education, Gordon-Conwell Theological Seminary in South Hamilton, MA, 29. May – 1. June), https://www.lausanne.org/content/access-to-theological-education-goals-aims-and-challenges-2. Kirk Franklin, “Holistic Help for the Peoples of This Earth: From Sudan to Switzerland,” in International Development from a Kingdom Perspective, ed. James Butare-Kiyovu (Pasadena, CA: William Carey International University Press, 2010), 69, spricht von 77.000. Davon kommen 70.000 (also 91%) aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Franklin lehnt sich an folgende Studie an: Missiometrics 2008: Reality Checks for Christian World Communions prepared by David B. Barrett, a contributing editor, Todd M. Johnson, and Peter F. Crossing (www.WorldChristianDatabase.org)

[2]     Die Statistiken sind von M. David Sills, Hearts, Heads, and Hands: A Manual for Teaching Others to Teach Others (Nashville, TN: B&H Books, 2016), 6.

[3]     Sills, Reaching and Teaching, 37.

[4]     Ibid., 21.

[5]     Pope John Paul II, “Apostolic Journey to the Dominican Republic, Mexico and the Bahamas (January 25 – February 1 1979) – The Third General Conference of the Latin American Episcopate – Address of His Holiness John Paul II” (Libreria Editrice Vaticana, 1979), https://w2.vatican.va/content/john-paul-ii/en/speeches/1979/january/documents/hf_jp-ii_spe_19790128_messico-puebla-episc-latam.html.

[6]     Sills, Reaching and Teaching, 20: “One of the professors from the Nigerian Baptist Theological Seminary reported that some large churches sacrifice cows and bury them un juju ceremonies in order to bring forth power to attract and sway the crowds in their church services”

[7]     Philip M. Steyne, Machtvolle Götter: eine Untersuchung des Animismus wie er von Naturvölkern praktiziert wird und wie er heute in religösen Bewegungen vorkommt (Bad Liebenzell: Liebenzeller Verlag, 1993), 167.

[8]     Hier spricht man dann auch von einem „brain-drain“, da viele Studierende nicht mehr in den Globalen Süden nach ihrer Ausbildung zurückkehren. Payne, “Access to Theological Education: Goals, Aims, and Challenges,” spricht von einem „brain-gain“, wenn ein Westler im Globalen Süden promoviert.