In meiner morgendlichen Andacht lese ich gerade durch das Buch „Richter“. Geschichtlich befinden wir uns nach der Zeit Josuas, dem Nachfolger Moses. In dieser Zeit gab es noch keine Monarchie in Israel und so „regierten“ verschiedene „Richter“ (politisch-militärische Anführer) zu verschiedenen Zeiten.

Was mich sehr verwundert hat, kann man im zweiten Kapitel lesen: „Und als auch jene [die Ältesten, welche Josua überlebten] ganze Generation zu ihren Vorfahren versammelt worden war, kam nach ihnen eine andere Generation, die weder vom HERRN wusste, noch von dem Werk, das er für Israel getan hatte“ (2,10).

Die Frage, die sich hier aufzwingt ist: Wie konnte so etwas passieren? Wie konnte bereits die nächste Generation der Israeliten vergessen, was Gott der Allmächtige für sie getan hat?

Es scheint als hätten hier sämtliche „Erinnerungsmechanismen“ versagt. Nein, es scheint nicht nur so, sondern genau das ist passiert. Die neue Generation wurde nicht an die Gnade Gottes und Seine Werke erinnert. Sollten nicht die Priester das Volk belehren (3. Mose 10,11)? Sollten die Feste und Riten nicht an das erinnern, was der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs für Israel getan hat? Und, finden wir in dem wichtigen Glaubensbekenntnis Israels (5. Mose 6) nicht folgende Aussage?

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. 6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen 7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.

Ja, das alles ist gescheitert. All diese Erinnerungsmechanismen haben nicht gegriffen. Welche Konsequenzen ein solches Nicht-Erinnern hat formuliert ein Ausleger (bezogen auf Richter 2,10) so: „When people lose sight of God’s grace, they lose sight of God and the sense of any obligation to him. All that follows in the book is a consequence of Israel’s loss of memory.”[1]

Aber geht es bei diesem Erinnern einfach nur um eine Rückschau? Ist Erinnerung immer nur retrospektiv? Ich denke nicht. Obwohl es etwas anachronistisch ist, so ist die Definition des Duden hier zutreffend: Erinnerung ist ein „Eindruck, an den jemand sich erinnert“ oder auch Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat ein „wieder lebendig werdendes Erlebnis“. Es geht also nicht darum in der Vergangenheit zu schwelgen und nostalgisch sich die guten, alten Zeiten herbeizuwünschen. Sondern, es geht darum sich die Vergangenheit wortwörtlich zu vergegenwärtigen. Das Alte zum Neuen werden lassen. Denselben Gott (neu) zu erleben.

Der Psalmist war sich der Gefahr des sich Nicht-Erinnerns durchaus bewusst und vergegenwärtigt im Lob das Vergangene: „Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“ (Psalm 103,2).

Da wir nun in Arequipa (Peru) leben, haben wir auch das Privileg andere Traditionen und Gemeinden kennenzulernen. Letzten Sonntag waren wir Ein Sich-Erinnern schaut in die Vergangenheit und auch in die Zukunft, um so in der Gegenwart Gottes zu leben.in einer anglikanischen Gemeinde und haben dort am Gottesdienst teilgenommen. Ich habe zwar bei weitem nicht alles verstanden, aber in der Liturgie wurden die großen Taten Gottes (vor allem das, was er in Jesus Christus getan hat) gelobt und vergegenwärtigt.

Ein Sich-Erinnern schaut zwar in die Vergangenheit, aber es bleibt dort nicht stecken. Ein Sich-Erinnern schaut in die Vergangenheit (und auch in die Zukunft, so paradox das klingt), um so in der Gegenwart Gottes zu leben.

[1] Daniel I. Block, Judges, Ruth. Vol. 6. The New American Commentary (Nashville: Broadman & Holman Publishers, 1999), 123.