Ziel der theologischen Ausbildung

Was ist das Ziel (telos) der theologischen Ausbildung? Was wollen wir eigentlich erreichen? Ist theologische Ausbildung eine reine Wissensvermittlung? Diese Fragen werden ich in meinem letzten Eintrag der Serie „theologische Ausbildung“ beantworten. Wie schon in dem ersten Eintrag angeklungen ist das Ziel der theologischen Ausbildung keine reine Wissensvermittlung, sondern Spiritualität. Dies werde ich in diesem Beitrag etwas näher erläutern. Zuvor jedoch nochmals eine kleine Zusammenfassung der letzten Beiträge:

  1. Der erste Eintrag war eine Art „Prolegomena“ und hat uns darauf eingestimmt, dass theologische Ausbildung (das christliche Leben im Allgemeinen) nicht das Wissen an sich, sondern Spiritualität und Charakterformation als Ziel hat.
  2. Daraufhin sahen wir wie wir alle eine gewisse Theologie (Gottesvorstellung) haben und wir diese anhand der Heiligen Schriften überprüfen müssen, wenn wir nicht ist das Fettnäpfchen treten wollen und unseren „eigenen Göttern“ folgen. Die Bibel ist Grundlage gesunder Theologie; oder besser gesagt gesundem Theologisierens.
  3. Im dritten Beitrag ging es dann um die Gefahren des Theologiestudiums. An dieser Stelle ging es darum die Bibel rein akademisch zu betrachten; von Gott nur noch in der dritten Person zu sprechen; seine eigene Beziehung zu Gott zu vernachlässigen.
  4. Dann ging es darum zu verstehen was theologische Ausbildung – ja, was Theologie – eigentlich ist. Unsere Theologie, unsere Überzeugungen beeinflussen unser Handeln (vgl. Röm 12,1-2). Wir werden im Ebenbild Christi gestaltet, nach Seinem Wesen geformt. Hierzu gehört unser Denken, Handeln, Fühlen.
  5. Im letzten Beitrag ging es dann noch um die „Notwendigkeit und Wichtigkeit der theologischen Ausbildung“.

Um auf das Ziel der theologischen Ausbildung etwas näher einzugehen, möchte ich zwei interessante Zitate voranstellen:

The proper end of the drama of doctrine is wisdom: lived knowledge, a performance of the truth.[1]

Christians learn doctrine in order to participate more deeply, passionately, and truthfully in the drama of redemption. Intellectual apprehension alone, without the appropriation of heart and hand, leads only to hypocrisy.[2]

Als Jesus einmal gefragt wurde, was eigentlich das höchste Gebot sei, antwortete:[3]

Das wichtigste Gebot ist: ›Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft! An zweiter Stelle steht das Gebot: ›Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!‹ Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.

Zwei Aspekte möchte ich hier herausgreifen. Ein Aspekt ist, dass wir lieben sollen (Gott und Mitmensch) und der zweite Aspekt ist das wie – vor allem „mit deinem ganzen Verstand“. Alles, was wir tun, soll zu Ehre Gottes dienen (1Kor 10,31). Wenn wir lieben, erfüllen wir das Gesetz (Röm 13,10). Zu all dem gehört der Einsatz unseres ganzen Seins – also auch unseres Intellekts.

Spiritualität

Das primäre Ziel der christlichen Verkündigung und Unterweisung sind geistlich reife Menschen (welche, die in Christus vollkommen sind). So schreibt Paulus (Kol 1,28):

Ihn, Christus, verkünden wir; wir zeigen jedem Menschen den richtigen Weg und unterrichten jeden Menschen ´in der Lehre Christi`; wir tun es mit der ganzen Weisheit, ´die Gott uns gegeben hat`. Denn wir möchten jeden dahin bringen, dass er durch die Zugehörigkeit zu Christus als geistlich reifer Mensch ´vor Gott` treten kann.

Wenn dies das allgemeine Ziel des christlichen Lebens ist, dann kann das Ziel theologischer Ausbildung nicht anders verstanden werden. So sehen wir das Ziel auch als geistliche Prägung (Eng.: spiritual formation). Diese begründet Bernhard Ott, von Römer 12,1-2 herkommend, trinitarisch: Das Ganze des theologischen Studiums soll als Spiritualität verstanden werden. Diese ist von Gottes Geist gewirkt, in Jesus be- und gegründet und auf Gott-Vater hin ausgerichtet. Es ist eine Lebensgestaltung.[4]

Somit ist auch die Rolle des Lehrers nicht die des Wissensvermittlers, sondern eher vergleichbar die einer Hebamme. Der Lehrer bereit somit „nur“ den Rahmen des Lernens und nimmt auch als Lernender teil:

Teachers themselves are also seeking personally to appropriate wisdom about God and about themselves in relation to God. At most, the teacher ‘teaches’ only indirectly by providing a context in which the learner may come to that combined self-knowledge and God-knowledge that is a ‘personal appropriation’ of revealed wisdom.[5]

Theologisieren

Im zweiten Beitrag hatte ich bereits geschrieben, dass das Ziel theologischer Ausbildung das Theologisieren sei. Nun möchte ich beschreiben und näher betrachten, was damit gemeint ist.

Auf einer Homepage für Theologie-Studierende las ich folgendes:

Das Theologiestudium fordert die eigene Person und deren Einstellung zur Welt und zu Gott heraus…. Theologie studieren heißt nicht nur, sich mit Traditionen auseinander zu setzen, sondern auch neue, überraschende Einsichten gewinnen. Es heißt nicht nur, Texte zu lesen, sondern auch Menschen und deren Kon-Texte zu verstehen.[6]

Man kann schon erahnen was mit Theologisieren gemeint ist. Es geht um ein gründliches Studium der Schrift und der Tradition, das sein Ergebnis erst in der Verbindung mit dem heutigen Kontext findet. Es reicht nicht Texte und Traditionen zu kennen und sie 1:1 auf heute anwenden zu wollen. Es geht darum verantwortlich im Hier-und-Jetzt zu leben. Thorsten Dietz schreibt in seinem Buch Sünde folgendes: „Christen, die ihre Sprache, ihre Umgangsformen, ihre Denkschablonen nicht immer wieder in Frage stellen, neu ausrichten und verändern, leben nicht mit einem lebendigen Gott.“[7] Sprache, Umgangsformen und Denkschablonen müssen immer wieder hinterfragt werden damit der christliche Glaube Aktualität erlangt.

Ott sieht die Existenzbegründung und Aufgabe der Kirche folgendermaßen:[8]

  • Gottes Herrschaft anerkennen und feiern: Gottesdienst (leitourgia)
  • Gottes Herrschaft in der Geschichte verkörpern: Gemeinschaft (koinonia)
  • An der Gabe von Gottes Herrschaft teilhaben und sie repräsentieren und ankündigen: Mission (martyria)[9]

Daher muss theol. Ausbildung Leiter dazu befähigen, andere anzuleiten die Aufgaben der

Gemeinde wahrzunehmen. Aber es geht nicht nur um die Kirche per se, sondern um ihre Sendung in die Welt.[10] Kevin J. Vanhoozer beschreibt die Aufgabe der öffentlichen Theologie als solche, die hilft das Volk Gottes so zu formen, dass die eine Hermeneutik der Liebe Gottes sind.[11]

Ausgehend von Matt 28,20 stellt Klaus W. Müller richtig fest, dass das Ziel nicht im Lehren, sondern im Halten liegt: „Lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“. Es geht nicht um das tradieren theologischer Inhalte, sondern um das Gehorchen in der heutigen Zeit.[12] Dies wiederum schwingt im Zwei-Klang mit Spiritualität.

Das Programm der „Ecumencial Theological Education“ des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) hat folgende Kompetenzen aufgelistet, die durch eine theologische Ausbildung mitgeprägt werden sollen:[13]

  • Pastorale Kompetenz in Verkündigung und Seelsorge
  • Leitungskompetenz mit der Fähigkeit zum Verzicht auf Dominanz und der Fähigkeit, in Konflikten zu vermitteln
  • Theologische Kompetenz als Verarbeitung der biblischen Grundlage und der Tradition der Kirche, aber auch mit der Fähigkeit, die geistlichen Erfahrungen und Einsichten der Gemeindeglieder zu erkennen und fruchtbar zu machen
  • Missionarische Kompetenz, um das Evangelium in Wort und Tat in kultursensibler Form weiterzugeben
  • Ökumenische Kompetenz, um andere christliche Traditionen zu würdigen und mit ihnen zusammenarbeiten zu können

Diese Kompetenzen werden m.E. durch eine internationale Fakultät bereichert. So hat man „kritische Gesprächspartner aus anderen Kulturen“ mit denen man theologisieren kann – auf nicht-nur-westliche Art und Weise.[14]

Abschließend

Das Ziel der theologischen Ausbildung wurde grob mit den Stichworten „Spiritualität“ und „Theologisieren“ zusammengefasst. Es geht um reife Christen, die in der Lage sind andere anzuleiten die Aufgaben der Gemeinde wahrzunehmen; biblische Antworten auf heutige Fragen zu finden; und dem Volk Gottes zu helfen eine Hermeneutik der Liebe Gottes zu sein.

Nun gilt es einige abschließende Gedanken zu äußern bzw. mein Verständnis meiner Rolle in der theologischen Ausbildung kurz aufzuzeigen: Wie schon angeklungen ist theologische Ausbildung keine reine Wissensvermittlung. Sie geschieht jedoch auch nicht vom Wissen und Denken losgelöst. Es geht darum Denken und Handeln zu vereinen und eine „gelebte Spiritualität“[15] zu fördern.

Der Lehrende ist also nicht nur Wissensvermittler, sondern vor allem „Hebamme“. Er oder sie lebt entsprechend dem chr. Glauben, forscht in den Schriften, lebt in Gemeinschaft mit Gott und Mensch so wie es Gott gefällig ist, um anderen zu helfen dies ebenfalls zu tun.

Vanhoozer erinnert sich an seinen Französischlehrer der einmal folgendes sagte:

The joy of teaching lies not in one’s own enthusiasm for the students, or even for the subject matter, but rather for the privilege of introducing the one to the other.

Er schließt daraus:

If this is true of French, chemistry, or history, how much more is it true of the pastor’s passion, which is not simply love of God or love of people, but rather the love of introducing the one (people) to the other (God)? The pastor’s special charge is to care for the people of God by speaking and showing and by being and doing God’s truth and love. Success in ministry is determined not by numbers (e.g., people, programs, dollars) but by the increase of people’s knowledge and love of God. This is the only way ‘to present everyone mature in Christ” (Col. 1:28).’[16]

Dies kann durchaus auf die theologische Ausbildung im allgemeinen übertragen werden. Zum Schluss noch ein Wort des Ambroisus (De officiis ministrorum, 1.1.3):

Nicht den Ruhm der Apostel maße ich mir an — wer dürfte dies denn außer den Jüngern, die der Sohn Gottes selbst hierzu erwählt hat? —, nicht der Propheten Gnadengabe, nicht die Gewalt der Evangelisten, nicht der Hirten Sorgfalt: nur jenen Fleiß und Eifer in Sachen der göttlichen Schrift verlange ich mir, welche der Apostel an letzter Stelle unter den Ämtern der Heiligen aufführte, und auch diesen nur, um aus dem eifrigen Lehren lernen zu können. Denn nur einen wahren Lehrer gibt es: er allein brauchte nicht lernen, was er alle lehrte; Menschen aber müssen erst lernen, was sie lehren, und empfangen von ihm, was sie anderen überliefern sollen.

Dafür möchte ich mein Leben geben.

 

 

[1]     Kevin J. Vanhoozer, The Drama of Doctrine: A Canonical-Linguistic Approach to Christian Theology, 1st ed. (Louisville, KY: Westminster John Knox Press, 2005), 21.

[2]     Ibid., 107.

[3]     Mk 12,29-31

[4]     Bernhard Ott, Handbuch Theologische Ausbildung: Grundlagen – Programmentwicklung – Leitungsfragen, 2nd edition. (Schwarzenfeld: Neufeld Verlag, 2013), 189. Siehe auch das Manifesto der International Council for Evangelical Theological Education (ICETE) dargestellt (siehe auch http://www.icete-edu.org/manifesto/). Ad 7. Integrated Programme: “Our programmes must be designed to attend to the growth and equipping of the whole man of God. This means, firstly, that our educational programmes must deliberately foster the spiritual formation of the student.“

[5]     David H. Kelsey, Between Athens and Berlin: The Theological Education Debate (Eugene, OR: Wipf & Stock, 2011), 20.

[6]     “Theologie Studieren,” Homepage der EKD, 2016, http://www.ekd.de/theologiestudium/startseite_ theologiestudium.html.

[7]     Thorsten Dietz, Sünde: Was Menschen heute von Gott trennt (SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag, 2016), 27.

[8]     Ott, Handbuch Theologische Ausbildung, 170.

[9]     Warum die diakonia nicht gelistet wird, ist bei Ott nicht erkenntlich.

[10]   Ott, Handbuch Theologische Ausbildung, 171.

[11]   Kevin J. Vanhoozer, “Introduction: Pastors, Theologians, and Other Public Figures,” in The Pastor as Public Theologian: Reclaiming a Lost Vision, ed. Kevin J. Vanhoozer and Owen Strachan (Grand Rapids, MI: Baker Academic, 2015), 21.

[12]   Klaus W. Müller, “Ausbildung des Missionars zum Lehrer und Mentor,” in Ausbildung als missionarischer Auftrag: Referate der Jahrestagung 1999 des AfeM, ed. Klaus W. Müller and Thomas Schirrmacher (Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 2000), 103.

[13]   Jürgen Quack, “Kontextualisierung westlicher Ausbildungssysteme,” in Ausbildung als missionarischer Auftrag: Referate der Jahrestagung 1999 des AfeM, ed. Klaus W. Müller and Thomas Schirrmacher (Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 2000), 206.

[14]   Ibid., 222.

[15]   Eigentlich ist dieser Begriffe ein Oxymoron. Eine Spiritualität kann nur gelebt werden oder sie verliert ihre Definition.

[16]   Vanhoozer, “Introduction: Pastors, Theologians, and Other Public Figures,” 22.