Wie passend, wenn man neue Dinge nicht nur in der Theorie liest, sondern auch gleich in der Praxis erfahren darf…

Jeden Montag von 16-19 Uhr, bietet eine kleine Gruppe aus unserer Gemeinde mit anderen Volontären aus unserem Ort ein offenes Treffen für Flüchtlinge an. Wir geben ihnen die Möglichkeit sich mit anderen zu treffen, ihr Deutsch zu verbessern, bei den Hausaufgaben zu helfen oder auch schwierige Briefe der Behörden zu verstehen (was für Deutsche selbst nicht immer so einfach ist!).

Letzte Woche durfte ich einem Mann aus Pakistan bei seinen Hausaufgaben helfen. Bisher hatte er immer mit anderen Volontären zu tun gehabt, aber da an diesem Tag keiner von ihnen da war, hatte er eingewilligt sich von mir helfen zu lassen. Seit Beginn hatte er mit Schweißausbrüchen zu tun. Da er weder zu unserem Raum gerannt war, noch mit seinem dünnen Hemd ins Schwitzen kommen konnte hatte ich mich schon etwas gewundert. Mit der Zeit wurde es aber immer besser. Ich war vorsichtig darin wie ich ihn korrigierte, weil ich merkte, dass er sich sogleich dafür entschuldigte. Nach ungefähr einer Stunde (als keine Schweißperlen mehr auf seiner Stirn zu sehen waren) haben wir über Berufe gesprochen. Die Bilder in seinem Deutschheft zeigten sowohl Frauen als auch Männer in ihren Berufen. Schließlich meinte er:

Ich habe noch nie eine Frau als Lehrerin gehabt. Bei uns in Pakistan machen das nur Männer. Frauen bleiben zu Hause.

So langsam Verstand ich auch seine anfängliche Nervosität. Es war eine gute Möglichkeit darüber zu sprechen, wie unterschiedlich unsere Kulturen sind und was er hier in Deutschland als anders erfahren hat. Für ihn war es sehr schwer eine Frau neben sich zu haben, die ihm bei den Hausaufgaben hilft.
Von meiner Seite aus fand ich es bewundernswert, dass neben mir jemand sitzt, der nie in die Schule gegangen ist und demnach noch nicht einmal lesen und schreiben konnte, bevor er nach Deutschland kam, innerhalb 14 Monate aber so weit gekommen ist, dass ich nie von seinem Hintergrund ausgegangen wäre.

Unser Gespräch endete an dem Tag damit, dass er mir zusprach, dass ich doch sehr freundlich bin und er sich für meine Hilfe bedankte.

Gerade in dieser Woche habe ich das Buch „Überall zu Hause?! – Menschen aus fremden Kulturen verstehen“ von Sarah Lanier gelesen. Es hilft dabei zu verstehen, wie manche Kulturen beziehungs- und andere leistungsorientiert sind, manche direkt und indirekt kommunizieren, Individualismus oder eine Gruppenidentität herrscht u.v.m.

So oft gehen wir davon aus, dass das, was für uns normal ist (dass z. B. Frauen die gleichen Berufe ausüben wie Männer) auch für andere gilt.

Wir sind natürlich besonders gespannt darauf, was wir alles in Peru lernen dürfen. Unseren Individualismus müssen wir da wohl erst mal gaaaaaaaanz stark zurückfahren…