Bevor wir die Frage „Was ist theologische Ausbildung?“ beantworten können, scheint es mir wichtig ein paar Antworten bzw. Anstöße zu geben, was eigentlich „Theologie“ ist.

In meiner bescheidenen Erfahrung der letzten knapp zehn Jahre bekomme ich immer wieder (vor allem aus „frommen“ christlichen Kreisen) zu hören wie unnütz doch ein Theologiestudium sei und, dass man in der Universität (oder allgemein in der theologischen Ausbildungsstätte) fernab jeglicher (Gemeinde-)Realität sei. Hier schwingt oftmals ein implizierter anti-Intellektualismus mit.  Unser Handeln ist vom Denken beeinflusstAls ob der Intellekt und das Denken mit dem Handeln nichts zu tun hätte. Dies ist jedoch nicht der Fall. Unser Handeln ist vom Denken beeinflusst. Man handelt ja meistens aus irgendwelchen Überzeugungen heraus – unbewusst oder bewusst. Deshalb ist richtiges Denken (in einem späteren Eintrag noch mehr zum Thema „theologisieren“) überaus wichtig. Es bestimmt unseren Alltag. Wenn wir hier die Worte des Apostel Paulus (Römer 12,1-2) lesen, wird das deutlich:

Ich habe euch vor Augen geführt, Geschwister, wie groß Gottes Erbarmen ist. Die einzige angemessene Antwort darauf ist die, dass ihr euch mit eurem ganzen Leben Gott zur Verfügung stellt und euch ihm als ein lebendiges und heiliges Opfer darbringt, an dem er Freude hat. Das ist der wahre Gottesdienst, und dazu fordere ich euch auf.

Richtet euch nicht länger nach ´den Maßstäben` dieser Welt, sondern lernt, in einer neuen Weise zu denken, damit ihr verändert werdet [wörtlich: sondern werdet verwandelt (oder: lasst euch verwandeln)] durch die Erneuerung des Sinnes (Denkens/Willens) und beurteilen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob Gott Freude daran hat und ob es vollkommen ist.

Wir sollen uns nicht „in das ‚Schema‘, d.h. in das konkrete Wesen dieser Weltzeit einfügen.“[i]  Wir sollen uns nicht gleichschalten lassen. Und wie leicht das geschieht, wissen wir ja alle. Deshalb ist der zweite Teil der Aufforderung wichtig zu bedenken: „Sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung eures Denkens (eures Sinnes).“

Das Wort für „verwandelt werden” finden wir auch in Matt 17,2 und Mk 9,2. Dort ist von der „Verklärung Jesu” die Rede ist. Die Jünger (drei von ihnen) sehen die Herrlichkeit Jesu. Gott ist der HandelndeEs wird ihnen offenbart wer er wirklich ist. Wir sollen Gott also walten lassen unser wahres Sein herauszuarbeiten. Dies ist mit einem passiven Verb „werdet verwandelt“ beschrieben. Das bedeutet jedoch nicht faul auf der Couch zu liegen, sondern aktiv mit Gott im Alltag zu leben. Aber, es sei vermerkt, Gott ist der Handelnde. Paulus spricht auch an anderer Stelle (2Kor 3,18):

Von uns allen wurde der Schleier weggenommen, sodass wir die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel sehen können. Und der Geist des Herrn wirkt in uns, sodass wir ihm immer ähnlicher werden und immer stärker seine Herrlichkeit widerspiegeln.

Wie schon in Römer 8,29 angeklungen, werden wir im Ebenbild Christi gleichgestaltet. Wir werden also nach dem Wesen Jesu geformt. Zum Wesen gehören das Denken und das Handeln (sowie auch das Fühlen). „Der Weg zum Handeln führt durch das Denken; denn wir können dem Willen Gottes nicht dienen, wenn wir ihn nicht erkennen und ihm nicht beistimmen.“[ii]  Es geht jedoch nicht nur um das Denken losgelöst vom Handeln, sondern darum unsere tiefen, moralischen Überzeugungen (die sich im Handeln zeigen) neu an Gottes Wort und seinem Willen auszurichten. Es geht um das Handeln und Denken nach dem Sinn Jesu wie wir es auch in 1Kor 2,16 lesen können. In Phil 2,5-8 wird dies ganz konkret dargestellt:

Geht so miteinander um, wie Christus es euch vorgelebt hat. Obwohl er Gott war, bestand er nicht auf seinen göttlichen Rechten. Er verzichtete auf alles; er nahm die niedrige Stellung eines Dieners an und wurde als Mensch geboren und als solcher erkannt. Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod, indem er wie ein Verbrecher am Kreuz starb.

Das Kreuz – sowie das ganze Leben Jesu – ist also der Maßstab unseres Handelns, Denkens und Redens. Alles was wir tun, soll der Ehre Gottes dienen (1 Kor 10,31). Eine ganz einfache Frage, die wir uns im Alltag stellen können, ist: „Ist das was ich gerade denke, mache, sage, fühle etwas das Gott gefällt – dem Gott zustimmt?“

So prüfen wir, ob das, was wir tun, Gottes Willen entspricht. (Römer 12,2b). Hier wird ein Wort benutzt, das darauf hinweist, dass wir den Willen Gottes testen sollen. Wir sollen also nicht nur intellektuell den Willen Gottes erfassen, sondern sollen ihn auch testen: sprich, wir sollen den Willen Gottes in die Tat umsetzen.

Denn der Wille Gottes ist ja in Seinem Wort an uns niedergeschrieben wordenIch bin oft überrascht zu sehen wie wenig Christen ihre Bibel lesen. Wir sagen oft, dass wir so leben wollen wie es Gott gefällt, dass wir Ihm die Ehre geben wollen. Andererseits kümmern wir uns wenig darum zu forschen, wer Gott eigentlich ist und wie Er möchte, dass wir leben. Denn der Wille Gottes ist ja in Seinem Wort an uns niedergeschrieben worden. Natürlich gibt es hier und da „Grauzonen“ oder es kommt auf die individuelle Situation an, jedoch können wir im Großen und Ganzen sehr wohl erkennen, was der Wille Gottes ist.

So, zurück zu der Frage „Was ist Theologie?“. John Frame definiert Theologie als Anwendung des Wortes Gottes durch Menschen auf alle Bereiche des Lebens.[iii]

Und erst jetzt kann auch die Frage „Was ist theologische Ausbildung?“ beantwortet werden[iv]:

Theologische Ausbildung unterstützt Christen das Wort Gottes
zu verstehen und es in den Alltag zu integrieren.

Ich möchte diesen Eintrag mit einem Zitat, das das gesamt Thema gut zusammenfasst beenden. Anselm (1033-1109; Erzbischof von Canterbury) schrieb in seinem ersten Kapitel in Proslogion:

Teach me to seek you, and reveal yourself to me, when I seek you, for I cannot seek you, except you teach me, nor find you, except you reveal yourself. Let me seek you in longing, let me long for you in seeking; let me find you in love, and love you in finding. Lord, I acknowledge and I thank you that you have created me in this your image, in order that I may be mindful of you, may conceive of you, and love you; but that image has been so consumed and wasted away by vices, and obscured by the smoke of wrong-doing, that it cannot achieve that for which it was made, except you renew it, and create it anew. I do not endeavor, O Lord, to penetrate your sublimity, for in no wise do I compare my understanding with that; but I long to understand in some degree your truth, which my heart believes and loves. For I do not seek to understand that I may believe, but I believe in order to understand. For this also I believe, --that unless I believed, I should not understand.

 

 

[i] Ulrich Wilckens, Der Brief an Die Römer (12-16), 3rd ed. (Zürich: Benziger, 1997), 7.

[ii] Adolf von Schlatter, Gottes Gerechtigkeit: Ein Kommentar Zum Römerbrief, 4. Aufl. (Stuttgart: Calwer Verlag, 1965), 204. Lactantius (250-324) schrieb, dass “the knowledge of God comes first, His worship is the result of knowledge.” Lactantius, The Divine Institutes 4.4, in Ante-Nicene Fathers, ed. A. Roberts and J. Donaldson (Peabody, Mass.: Hendrickson, 1994), 7: 104. As cited in Kapic, Kelly M. A Little Book for New Theologians: Why and How to Study Theology (Kindle-Positionen1172-1173). InterVarsity Press. Kindle-Version.

[iii] John M. Frame, The Doctrine of the Knowledge of God, First edition. (Phillipsburg, N.J: P & R Publishing, 1987), 81. Referenz von Thomas Schirrmacher, “Ausbilden wie Jesus und Paulus,” in Ausbildung als missionarischer Auftrag: Referate der Jahrestagung 1999 des AfeM, ed. Klaus W. Müller and Thomas Schirrmacher (Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 2000), 7.

[iv] Allgemein wird zwischen Gemeindepädagogik und theologischer Ausbildung unterschieden. Bernhard Ott, Handbuch Theologische Ausbildung: Grundlagen – Programmentwicklung – Leitungsfragen, 2nd edition. (Schwarzenfeld: Neufeld Verlag, 2013), 6: Es wird zwischen einer „education for discipleship“ und „education for apostleship“ unterschieden; d.h. wir reden von Gemeindepädagogik für die allgemein christliche Schulung und von theologischer Ausbildung bei der spezielleren Ausbildung pastoraler Führungskräfte. Eine ausführlichere Definition, welche sich auf bildungstheoretische und theologische Gedanken stützt, findet man bei Ott, Handbuch Theologische Ausbildung, 178-179.